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Portraits von Johannes Schubert, Johannes Kempe und Natalija Ninkov.
04.12.2015

Thinking Design #1 – Bloomberg ist sowas von Punk!

Die beiden Art Directoren Natalija Ninkov und Johannes Kempe unterhalten sich mit Johannes Schubert darüber, wie Marken durch Editorial Design mehr Persönlichkeit in der digitalen Welt gewinnen.

Design

Johannes Schubert: Hallo liebe Designer, brauchen wir euch überhaupt noch? Oder ist Design mittlerweile eher so ein kostenlos verfügbarer Standard?

 

Johannes Kempe: Standard ist Standard.

 

Natalija Ninkov: Ok, ich verstehe was du sagen willst Johannes Schubert, aber … Design war und wird auch in Zukunft dringend nötig sein, damit User sich nicht nur objektiv sondern auch subjektiv Meinungen bilden.

Ein bisschen Recht gebe ich dir trotzdem: Design wird stark von Technologie beeinflusst, man könnte heutzutage fast sagen: Technologie bestimmt das Design. Man muss sich nur mal die ganze Entwicklung des Responsive Designs anschauen. Jeder Designer rund um den Globus arbeitet daran, dass Content auf allen Devices gleich gut aussieht …

 

Johannes Kempe: … mit dem Ergebnis, das irgendwie alles gleich aussieht.

Das ist toll, weil wir nicht immer von Null anfangen müssen. Jeder erkennt die drei Striche eines Hamburger-Icons als Menü, jeder weiß wie eine Suchfunktion aussehen soll.

Standard ist aber auch gefährlich. Gute Seiten können sich keinen reinen Me-Too-Look leisten sondern brauchen Ideen, die ihre Markenpersönlichkeit formen.

Johannes Schubert: “Ideen” – klingt das nicht eher danach alle Energie in tollen Content zu stecken, statt sich um ein individuelles Interface zu bemühen?

 

Natalija Ninkov: Ja, der Content geht vor. Aber der Job von Design ist, dass bei all dem Content nicht Text … Bild … Text … Bild … Text … Bild … Text … zzz … rauskommt.

Johannes Schubert: Ist es denn schlimm, wenn alle Websites genau so aufgeräumt aussehen wie Medium.com?


Natalja Ninkov: Ja, das wäre total langweilig!

Medium kann sich diesen reduzierten Stil nur deswegen erlauben, da sie jeden Tag endlos viel Content von ihren Usern bekommen … Unser Job funktioniert doch ganz anders. Der Content mit dem wir arbeiten ist nicht immer sooooo spannend. Einfach nur ein großes Bild auf der Startseite und Artikel in Serifenschrift würde nicht reichen.

Deshalb setzen wir auf unseren Plattformen unterschiedliche Layout-Strategien ein, die uns ermöglichen Inhalte trotzdem zu pushen.

Deshalb finde ich es interessanter den Auftritt einer Content-House-Marke wie Fubiz zu analysieren:

Mona Lisa auf Computerbildschirm

Natalija Ninkov: Siehst du das: Alle Sections haben unterschiedliche Module. Die Seite hält dich wach. Standard-Responsive-Themes sind dagegen sowas von 2014.

Wir müssen den Content so strukturieren, dass das Scrollen …

 

Johannes Kempe: … zu einem Erlebnis wird. Spaß, Freude, Neugier. Leute kommen auf die Seite und haben irgendeinen Wunsch im Kopf. Während sie sich auf der Seite bewegen müssen wir dafür sorgen, dass sie alles wichtige auf der Website verstehen und ohne zu denken navigieren.

 

Natalija Ninkov: Ich finde aber das Mantra “Don’t make me think.” kann man nicht auf alles anwenden. Damit eine Seite auch bei komplexeren Inhalten User immer wieder aktiviert braucht die Aufbereitung des Contents ein gutes Maß an Abwechslung.

 

Johannes Kempe: Das bedeutet aber auf keinen Fall Chaos. Es ist es wichtig von der Einfachheit von Apps zu lernen. Alles muss so intuitiv sein wie eine App.

Johannes Schubert: Die Fubiz-Seite sieht ja ganz schick aus, aber Fubiz begegnet mir eigentlich nur auf Facebook. Die Leute verbringen ihre Zeit doch mittlerweile eher in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Snapchat, etc. Welche Rolle haben Websites überhaupt noch?


Johannes Kempe: Die Leute verbringen und verschwenden ihre Zeit auf Facebook. Und das wird ihnen immer bewusster. Keiner meiner Freunde fühlt sich gut, nachdem er auf Facebook war. Es ist ein zeitfressendes Monster, mit dem ich meine Ziele verfehle.

Für uns bedeutet das, dass es die Chance gibt, wertvolle Sachen zu gestalten. Für mich sind Enriching Interactions zum Beispiel Websites, auf die Menschen ganz bewusst gehen.

Dazu müssen diese Websites sich wertvoll anfühlen. Jenseits von den Inhalten schaffen Markenplattformen das durch individuelles Editorial Design.

Man kann den Trend zum digitalen Editorial Design zum Beispiel bei Blendle.com sehen. Jede Zeitung, die darin ihre Artikel anbietet, darf ihre eigenen Schriftarten mitnehmen. Diese Individualität macht den Wert einer Marke aus und hilft den Usern gleichzeitig, sich zu orientieren und … und dafür braucht man diese wie heißen die nochmal, ach ja …Designer!

Johannes Schubert: Wer bekommt den Oscar in der neuen Kategorie “Digital Editorial Design”?

Natalija Ninkov: Für mich ist der Winner aktuell Bloomberg, die beweisen, dass seriöse Inhalte nicht langweilig aussehen müssen. Die haben überhaupt keine Angst Farben ganz dominant einzusetzen. Die spielen mit Verläufen, Scrolling-Effekten. Bloomberg ist sowas von Punk!


Warum ist das gut? Perfekte Harmonie funktioniert nicht. Unperfektheit spricht das Auge an. Starke Grafiken, Videos, Animationen. Leute, diese Seite rockt.

Computerbildschirm

Johannes Schubert: Was ist euer persönliches Erfolgsgeheimnis für gutes Design?

 

Johannes Kempe: Als Designer darf einem Präzision nicht im Weg stehen, sondern man sollte flexibel denken. Im digitalen Kontext kann ich z.B. auch noch am Ende eines Projekts die Schriftart ändern. Es geht immer noch besser.

 

Natalija Ninkov: Am Anfang setze ich mich erstmal hin und denke. Ich versuche den User zu verstehen und mich hineinzufühlen. Dann teste ich ganz viel aus, zum Beispiel lasse ich Leute beschreiben was sie auf meinem Bildschirm sehen.

Es ist wichtig sich kontinuierlich zu fragen: “Was ist die Story der Marke?” und “Was fühlt der User?”.

 

Johannes Kempe: Naja, man muss nicht alles argumentieren, oder?

 

Natalija Ninkov: Doch. Alles.

 

Johannes Kempe: Und was sage ich, wenn mir etwas einfach so gefällt?

 

Natalija Ninkov: Persönlicher Geschmack. Das ist auch ein Argument.

 

Johannes Kempe: Stimmt. Es ist einfach so leicht in den Copy&Paste-Modus zu fallen. Man sollte stattdessen den Dingen Raum geben, die man persönlich wichtig findet. Die tollsten Sachen entstehen dann, wenn Technologen und Designer ihr Wissen und ihre Spielfreude verbinden.

Zum Beispiel kann man durch experimentelle Animation einer Seite völlig neues Leben einhauchen.

Ich liebe paper.js. Ist das Technologie oder Design? Völlig egal, es macht einfach Spaß. Und Oscars gibt es ja auch für Special Effects.

 

 

Computerbildschirm

Johannes Schubert: Natalija, Johannes, dieses Gespräch hat auch Spaß gemacht. Vielen Dank euch beiden.

Text: Johannes Schubert